Echtzeitalter

Autor SCHACHINGER, Tonio

Verlag Rowohlt 2023 S. 365

Schon klar, Schachingers zweiter Roman wurde nicht als Jugendbuch geschrieben, aber die Tatsache, dass es ein ‚coming-of-age‘-Roman ist, macht es leicht, ihn für Jugendliche zu empfehlen.

Wir begleiten Till durch seine acht Jahre am Gymnasium Marianum, eine nur mäßig verhüllte Version des Theresianums. Schule bedeutet ihm stets deutlich weniger als das Echtzeit-Strategiespiel „Age of Empire 2“; und tatsächlich: Mit 15 gehört er zu den Top 10 der Welt. Das zählt natürlich nicht im Schulbetrieb, schon gar nicht bei seinem Klassenvorstand und Deutschlehrer Dolinar, einer skurrilen Figur mit allerlei Idiosynkrasien, wie etwa der eisern eingeforderten Verwendung von Reclam-Texten in eher älteren Ausgaben. Dolinar ignoriert natürlich immer wieder schulische Vorschriften, und zwar in einem Ausmaß, das heute kaum bei Klassen, Eltern und Direktionen durchgehen würde, aber was soll’s: Vielleicht herrscht in Privatschulen noch die systematische Erniedrigung. Manches würde ich ja dem Dolinar verzeihen, etwa, dass er das Zerdrücken von Plastikflaschen ahndet, aber da bleibt noch ein weites Feld, für das ihn die Direktion zur Verantwortung ziehen müsste.

In vielen Rezensionen wird Dolinar mit Gott Kupfer („Der Schüler Gerber“) verglichen, was wohl nicht so recht passt, denn wo Kupfer sein Tyrannentum ichbezogen lebt, da ist Dolinar in Wirklichkeit ein armes Kärntner Würschtl, der von seinen Schülern insofern abhängig ist, als er sie zu seiner durchschnittlichen Selbstverwirklichung braucht. Folgerichtig wird er 2020, zur Zeit der Pandemie, also nach Kärnten entsorgt.

Die Jugendlichen machen vorwiegend das, was Jugendliche machen: Sie versuchen, durch die Schule zu kommen, sie gamen, sie rauchen, sie saufen, sie gifteln – und sie verlieben sich, so wie Till in die schillernde Feli. Noch ist er natürlich zu jung, um zu wissen, dass das noch kein Lebensmodell ist.

Schachinger erzählt flott und angenehm, gestaltet skurrile Vorfälle recht witzig, sodass das Kollegium eher an Wedekind als an Torberg erinnert. Und er greift auch die Verklärung der Schulzeit bei manchen auf, die im Rückblick der Erniedrigung etwas abgewinnen können. Insofern ist „Echtzeitalter“ auch ein sehr österreichischer Roman.

S. 365 | 15+

Meta-Daten

Sprache
Deutsch
Anbieter
Education Group
Veröffentlicht am
01.05.2023
Link
https://rezensionen.schule.at/portale/rezensionen/julit-deutsch/detail/echtzeitalter.html
Kostenpflichtig
nein