Tom’s Crossing
Autor DANIELEWSKI, Mark Z.
Verlag New York: Pantheon Books 2026
“This is an amazing work of fiction”, vermeldet Stephen King am Cover; und: “Have never read anything like it.” Ich kann dem nur zustimmen: Danielewski, Autor des höchst erfolgreichen „House of Leaves“, liefert hier einen epischen “Western”, dessen Lektüre noch lange nachhallt.
Die Kurzfassung ist: In Orvop (Anagramm von Provo), Utah kommt es im Jahr 1982 zu einer tödlichen Auseinandersetzung zweier Pferde wegen. Die Langfassung kann unmöglich wiedergegeben werden. So viel: Ein Erzähler (eine Erzählerin eher), der an den Erzähler in „The Big Lebowski“ erinnert, breitet gemächlich die Ereignisse aus.
Kalin March (16), ein unbedeutender Zuwanderer, kann wie niemand anderer mit Pferden umgehen; so freundet er sich mit Tom Gatestone, Sohn einer alteingesessenen Familie an. Die Liebe zu Pferden verbindet die beiden, und als Tom jung stirbt (sorry für den Spoiler), nimmt er Kalin das Versprechen ab, zwei Pferde, Navidad und Mouse, die der üblen Porch-Familie gehören, vorm Abdecker zu retten und sie bei Tom’s Crossing in die Freiheit zu entlassen. Genau das tut Kalin, gerät aber in die fiesen Machenschaften von Old Porch und seinen Söhnen (vorwiegend trigger-happy). Kalin hat unerwartete Begleitung: Zum einen ist da Toms Geist auf seinem Pferd Ash, zum anderen Toms jüngere Schwester Landry auf ihrem Pferd Jolly.
Es beginnt ein langer Ritt, der gleichzeitig ein langer Überlebenskampf ist. Dabei gibt es unzählige Abschweifungen zu anderen Schicksalen, zur Religion, zur griechischen Mythologie, zu unendlich vielen Namen. Diese Personen, die wohl in die Tausende gehen (vgl. S. 340f.) bilden so etwas wie den Hintergrundchor einer griechischen Tragödie. (Meine Favoritin ist Mrs. Annserdodder, die Lehrerin). Diese Personen ziehen auch die Geschichte weit ins 20. Jahrhundert.
Der Ritt führt uns durch unwegsames Gelände, durch Eis und Schnee, und nach etwa 1000 Seiten kommt es zum Showdown; bis dahin gibt es minutiöse Schilderungen, die manche als zu langatmig empfinden mögen, die mich aber eher atemlos machten, weil so voller Spannung. Und bis zum Schluss zittert man, ob es eine ‚eucatastrophe‘ geben könnte.
Zur gesamten Gemächlichkeit kommt eine (Pseudo)Erzählsprache. Keine ing-Form behält das g, for wird zu fer, doppelte Verneinungen und Formen wie ‚she weren’t‘ und „hisself“ sind gang und gäbe.
Und wir wären nicht in Utah, wenn nicht die Pferde wären, die sich zwar keiner Wortsprache bedienen, aber dennoch kommunizieren können. Sie bleiben letztendlich die Protagonisten des Romans: Clop-Clop-clip-Clop.
Schade, dass vergleichsweise wenige Leser/innen bis zum Ende der besten Pferdeoper seit langem durchhalten werden.
pp. 1229 (Gegenwartsliteratur)