The Matchbox Girl
Autor JOLLY, Alice
Verlag London: Bloomsbury 2025
Wer in Wien lebt, muss dieses Buch gelesen haben, denn Jolly führt uns präzise durch ein Wien der Nazizeit (über Entfernungsangaben in der Stadt mag man ein bisschen rätseln).
Geführt werden wir von Adelheid Brunner, Enkelin einer Kaffeehausbesitzerin, die nicht spricht, sondern nur schreibt. Sie erzählt die Geschichte der zweiten Hälfte der 30er-Jahre bis 1944 „in a Most Meticulous Manner.“ Sie ist auch eine Phillumenistin (ein neues Wort für mich), d.h. sie beschäftigt sich mit Streichholzschachteln und deren Etiketten; 1000 davon will sie sammeln.
Und sie ist 1935 12 Jahre alt und wird von der Großmutter bei Hans Asperger in der heilpädagogischen Anstalt abgeliefert. Dort erweist sie sich die nächsten neun Jahre als geschätzte Zuarbeiterin, weil sie systematisch und ordnungsliebend ist, auch wenn sie als zurückgeblieben oder dumm („a Cabbage“) eingeschätzt wird. Nicht so von Asperger und einigen seiner Mitarbeiter/innen.
Wie kann es dann bloß sein, dass der „nette Dr. Asperger“, der jedem Kind gerecht werden will, Kinder auf den Spiegelgrund schickt, wo sie, wie wir wissen, getötet werden? Wie kann es sein, dass Asperger seinen Kollegen Frankl und seiner Kollegin Weiss, die nach Amerika fliehen mussten, nicht für ihre bahnbrechende Arbeit am Autismus Anerkennung zollt? Für Adelheid ist der stets linkische Asperger wie „putting on his Life as though putting on a coat”, immer verloren im Interesse an seinen Patientinnen und Patienten. Für sie können viele Menschen und Dinge gleichzeitig böse und gut sein.
Neben den scharfen Beobachtungen zum Leben in Wien fügt Jolly Kapitel ein, die „After My Death“ betitelt sind, die uns nach Amerika zu Frankl und Weiss, nach London zu Lorna Wing in den 80er-Jahren führen, nach London zu einer Konferenz 2010, wo Asperger kritisch gesehen wird, führen.
Adelheids Aufzeichnungen zeichnen sich durch einen besonderen Stil aus, durch Worthäufungen und einer eigenwilligen Großschreibung; all das trägt zum Lesevergnügen, ungeachtet des oft schrecklichen Inhalts bei. Die, die nach dem Krieg nichts gewusst haben wollen, werden jedenfalls von Adelheid Lügen gestraft.
pp. 406 (Gegenwartsliteratur)